Wichtiges Zeitdokument aufgetaucht

Margrit Villinger, einst Prokuristin und Sekretärin des KD-Vorstandsvorsitzenden Dr. Walter Hempel, führte von 1939 bis 1945 ein Kriegstagebuch.

Margrit Villinger

200 Jahre Köln-Düsseldorfer ist die ideale Gelegenheit, die zurückliegenden Jahrzehnte Revue passieren zu lassen. Vieles aus der Unternehmensgeschichte ist bereits in Büchern und Aufsätzen dargestellt worden. Auch über die Zeit des Nationalsozialismus und den Wiederaufbaunach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Einzig die Zeit während des Krieges lag weitgehend im Dunkeln. Diese Lücke lässt sich nun ein wenig schließen.

VON SCHLOSS ARENFELS ZURÜCK NACH KÖLN

Im Rahmen der Recherchen zum Jubiläum ist das Kriegstagebuch der Köln-Düsseldorfer Rheindampfschiffahrt aufgetaucht. Geführt wurde es von Margrit Villinger, Prokuristin und Sekretärin des Vorstandsvorsitzenden Dr. Walter Hempel. Aus der Sekundärliteratur war bekannt, dass es dieses Tagebuch gegeben hat. Aber die Aufzeichnungen waren verschollen. Der naheliegende Gedanke: Sie sind wie so viele Dokumente, Akten, Unterlagen und Bücher in den Wirren der Nachkriegszeit verloren gegangen. Zumal die Rückkehr nach Köln Anfang Juni 1945 von Schloss Arenfels bei Bad Hönningen, wohin die KD-Hauptverwaltung wegen der heftigen Luftangriffe auf Köln evakuiert worden war, ein enormer Kraftakt gewesen sein muss. Es galt, bürokratische und logistische Hürden zu meistern. Bad Hönningen lag zu jenem Zeitpunkt in der französischen Besatzungszone, Köln in der britischen. Für den Umzug waren lediglich vier Lastwagenfahrten genehmigt worden.

KD-VORSTAND SCHMITZ SICHERTE DIE KOPIEN

Die Originale sind nach wie vor noch nicht wieder aufgetaucht, aber ein umsichtiger Mensch hat das drei Kladden umfassende Tagebuch kopiert. Wann das war und wer dies gemacht hat, lässt sich anhand der Kopien nicht feststellen. Aber wem es zu verdanken ist, dass das Material aufbewahrt wurde. Norbert Schmitz, bis 2015 Vorstand der Köln-Düsseldorfer, hat viele Jahre privat Dinge über und zur KD gekauft und gesammelt. Dazu zählen historische Reiseführer, Karten, Plakate, Fotos, Dokumente und alte Speisekarten. Und eben auch die Kopien des Tagebuchs. Jetzt hat er den größten Teil seiner Sammlung als Dauerleihgabe dem KD-Firmenarchiv überlassen.

Das Tagebuch zeigt einen nüchternen und zugleich intimen Blick in den Geschäftsablauf eines Unternehmens, das 1939 sehr gut aufgestellt war. Es besaß 28 eigene Schiffe. 15 Schiffe der „Nederlandsche Stoomboot Reederij“, mit der bereits seit 1857 eine Betriebsgemeinschaft bestand, fuhren ebenfalls für die KD. Im Laufe der Kriegsjahre wird der Ton der Aufzeichnungen immer emotionaler

PLÄNE FÜR DEN FALL DER MOBILMACHUNG

Der erste Teil des Kriegstagebuchs beginnt mit dem „Plan für die Unterbringung unserer Schiffe im Mobilmachungsfall.“ Der Eintrag stammt vom 22. September 1938. Dann ruht die Arbeit für fast ein Jahr. Am 6. September 1939 notiert Margrit Villinger Informationen zu einigen Schiffen. Bei den Dampfern „Schiller“ und „Overstolz“ und den Motorschiffen „Beethoven“ und „Graf Zeppelin“ steht der Vermerk „zur besonderen Verfügung“ – ohne weitere Erläuterung. Wenige Tage zuvor, am 1. September 1939, hatte der Zweite Weltkrieg begonnen. Wie dramatisch und verheerend sich der Krieg auf alle Lebensbereiche im Privaten und Geschäftlichen auswirkte, wird selbst in den wenigen hier aufgeführten Auszügen aus diesem Zeitzeugnis zur Geschichte der KD deutlich.

Mai 1940

Störungen des Personenverkehrs durch Feindeinwirkung. Wegen Minengefahr wurden die Fahrten oberhalb von Rüdesheim (15.5.), Koblenz (16.5.) und Köln (29.5.) eingestellt.

„… Besonders im Argen liegt unglücklicherweise gerade der Fernsprechverkehr zwischen Köln und Düsseldorf; die Gespräche kommen meist den ganzen Tag nicht durch.“

6. Mai 1941

Da die Wasch- und Wäscheverleih-Anstalt „Frauenlob“ unsere Schiffswirte nicht mehr beliefert, wir andererseits unbedingt Wert darauf gelegt, daß (!) die Tische auch auf dem Oberdeck gedeckt sind, haben wir den vorhandenen Posten von 1800 Decken zu einem Preis von rund RM 9000 zum Weiterverkauf an die Schiffswirte, die meist keine eigenen Decken besitzen, übernommen. Während des Krieges eine andere Verleih-Anstalt zu finden, die Decken in der genügenden Anzahl stellen kann, ist unmöglich.

30. April 1942

Die Stadt Köln hatte in letzter Zeit erheblich und bei weitem am meisten von allen westdeutschen Städten unter Luftangriffen zu leiden, besonders in den Nächten von 5./6., 10./11., 22./23. und 27./28.4. In letzter Nacht erlitt die Stadt durch zahlreiche Brände – allein 70 Großbrände ! ….wohl die bisher schwersten Schäden. Von den fünf innerhalb des Kölner Gebiets liegenden KD-Schiffen … wurde nur D(ampfer) „Rheinland“ von einer Brandbombe getroffen.

15. Juni 1943

D(ampfer) „Kaiserin Friedrich“ wird voraussichtlich an die Einsatzbereitschaft in Köln (SS) zur Unterbringung von politischen Gefangenen, die bei Bergungs- und Aufräumarbeiten beschäftigt werden, vermietet. … Entschädigung vermutlich auf Grund des Reichsleistungsgesetzes.

25. August 1943

Sehr ungünstig für den Gesamtbetrieb wirken sich die durch den Luftkrieg verursachten Störungen im Fernsprechverkehr aus. Für alle unsere Kölner Betriebe existiert nur eine einzige Notleitung im Verwaltungsgebäude. … Besonders im Argen liegt unglücklicherweise gerade der Fernsprechverkehr zwischen Köln und Düsseldorf; die Gespräche kommen meist den ganzen Tag nicht durch.

30. Oktober 1944

Mit Rücksicht auf die außerordentlich gespannte Luftlage in Köln wurde das Kölner Verwaltungsbüro kurzfristig nach Hönningen, Schloß Arenfels … verlegt. … Es wurde zunächst nur das Nötigste an Akten-, und Büromaterial mitgenommen. Verschiedenes – wichtige Akten, Schreibmaterial, Möbel usw. war bereits vor einigen Wochen nach Arenfels geschafft worden. Das Büro besteht aus einem einzigen großen Raum, beheizt von einem Kanonenofen. In der Ecke steht noch die Badewanne der seligen Gräfin.

11. Januar 1945

Überall am Rhein fehlt es an Licht, Brand, Brot und sonstigen Wirtschaftsgütern. … Post hat Hönningen am 10.1.45 seit 24.12.44 zum ersten Mal wieder erreicht. … Fernverbindungen kommen schon lange spärlich, seit einigen Tagen überhaupt nicht mehr zustande. … Trotzdem – die KD hat mit allen auf „Arenfels“ anwesenden Betriebsangehörigen an Sylvester (!) das Neue Jahr mit einem verbissenen „DENNOCH“ einigermaßen stimmungsvoll begrüßt.

7. März 1945

Am 2.3. soll der bisher schlimmste Luftangriff auf Köln gewesen sein. Näheres wissen wir nicht. Hier auf Schloß Arenfels haben die Fenster ununterbrochen geklirrt. Lt. fama sollen inzwischen die Amerikaner in Köln eingerückt sein. In nicht allzugroßer Entfernung von hier scheinen Ari-Einschüsse zu sein. Es verbreitet sich das Gerücht, der Feind habe in Remagen den Rhein überschritten. Es ist Zeit, den für diesen Fall vorgesehenen Rotweinkeller für einen längeren Aufenthalt dort einzurichten.

15. September 1945

Am 8.3. bestätigte sich das Gerücht, daß (!) es den Amerikanern gelungen sei, über die Remagener Brücke den Rhein zu überschreiten. Da der Artillerie-Beschuß sich sehr bedenklich näherte, erfolgte am 8./9.3. der Einzug in den Rotweinkeller. Herde wurden gestellt, Betten, Küchenzeug, Gebrauchsgegenstände aller Art runtergeschafft. Ebenso Schreib- und Büromaschinen und die wichtigsten Akten. Jeder – es waren über 50 Menschen im Keller – erhielt seinen Platz und schaffte von seinen eigenen Sachen runter, was er unbedingt zu „retten“ gedachte.

DIE ARBEIT EINES JAHRHUNDERTS ZERSCHELLT

Eine Woche währte das Kellerleben. Am 13.3. zog sich die deutsche Wehrmacht zurück. … Arenfels hißte die weiße Flagge. … Der Weg war frei für den Feind, der sich aber erst am 15.3. … dem Schloß näherte. Die Waffen ruhen; der Zweite Weltkrieg ist aus, auch wenn die Friedensverträge noch nicht geschlossen, die Bedingungen noch nicht bekannt sind. … Das Kriegstagebuch ist beendet; wird es je eine nachfolgende Generation geben in unserem Unternehmen, für die diese Aufzeichnungen gedacht waren? Unsere Schiffe sind zerstört bis auf einen kleinen Rest, unsere alten Akten sind zerstreut in alle Winde; die Arbeit eines Jahrhunderts ist zerschellt.

„Überall am Rhein fehlt es an Licht, Brand, Brot und … Wirtschaftsgütern.“

WIEDERAUFBAU EINES BETRIEBES

So arg kam es nicht. Margrit Villinger setzte die Aufzeichnungen bis ins Jahr 1952 fort. In einem Fortsetzungsband, der Rückschau und Ausblick war. Diese Kladde hieß nicht mehr Kriegstagebuch wie die beiden Teile zuvor, sondern Tagebuch über Zerstörung und Wiederaufbau eines Betriebes. Es endet mit den Sätzen: „Um die Jahreswende 1951/52 kreisen unsere Wünsche rund um einen Neubau.“ Weil aber noch Kredite offen waren, „müssen wir uns einstweilen mit dem Projektieren des, schönsten Schiffes’ begnügen“

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