Flaschenpost nach 68 Jahren in Oberwesel entdeckt
Das historische Schaufelradschiff „GOETHE“ der Köln-Düsseldorfer Deutsche Rheinschiffahrt ist ganz ohne Zweifel ein Medienstar, ein beliebtes Fotomotiv sowieso. Wenn das Schiff auf der Nostalgie-Route am Mittelrhein unterwegs ist, zieht es unzählige Blicke auf sich. Auch in der aktuellen TV-Dokumentation „Heidewitzka Herr Kapitän – 200 Jahre KD“ nimmt die alte Dame eine besondere Rolle ein. Der Film zum Jubiläum der KD ist in der ARDMediathek zu sehen.

von der KD-Agentur Oberwesel, Franziska Schallop,
Leiterin der Tourist-Info Oberwesel
Aufgetischt am 16. Juli 1958
Unlängst rückte allerdings für einige Wochen ein auf den ersten Blick unscheinbarer Alltagsgegenstand in den Mittelpunkt des medialen Interesses und verdrängte die „GOETHE“ kurzzeitig auf Platz 2. In Oberwesel war bei Bauarbeiten zur Neugestaltung des Rheinufers eine Flaschenpost gefunden worden, die es in sich hatte. In der grünen Glasflasche steckte eine Menükarte vom 16. Juli 1958 mit den Speisen, die an diesem Tag auf dem Rheindampfer „Drachenfels“ angeboten wurden. Der Raddampfer war seinerzeit für die Köln-Düsseldorfer zwischen Koblenz und Mainz unterwegs.
In unmittelbarer Nähe zum KD-Anleger
Entdeckt wurde die Sektflasche von Landschaftsgärtner Jonas Wolf. Fast 70 Jahre ruhte sie mitsamt Korken unentdeckt im Boden, ehe sie auf der Baggerschaufel von Wolf landete. Bei Stadtbürgermeister Jan Zimmer und den Mitarbeiterinnen der Tourist-Information löste der spektakuläre Fund große Begeisterung aus. Gemeinsam mit Stephanie Eidens-Holl, die die Agentur am KD-Steiger Oberwesel und die daran angrenzende Tapas-, Weinbar und das Café „Väterchen Rhein“ betreut, wurde zunächst versucht, das Schriftstück mit einer Pinzette durch den Flaschenhals zu ziehen – vergeblich. „Das Papier war etwas feucht geworden und drohte zu zerreißen. Daher hat Bürgermeister Zimmer die Flasche vorsichtig zerbrochen und die Karte entnommen. Es ist wirklich ein außergewöhnlicher Fund, der da in unserer direkten Nachbarschaft zur Agentur ans Licht gekommen ist, erzählt Stephanie Eidens-Holl.
Wellfleisch, dicke Bohnen und Kartoffeln
Was wurde eigentlich am 16. Juli 1958 auf dem Dampfer „Drachenfels“ zum Mittagessen serviert? Als Tagesplatte gab es Wellfleisch (nicht gepökelter, gekochter Schweinebauch), dicke junge Bohnen und Salzkartoffeln. Das Ganze für 2 D-Mark. Für 30 Pfennig mehr gab es eine Königsuppe (Hühnersuppe mit Spargel und Fleisch) dazu. Für 2 D-Mark konnte man 1958 in Westdeutschland etwa sechs Eier oder 1,5 Liter Bier kaufen. Das Essen an Bord der „Drachenfels“ war also vergleichsweise günstig.



Absenderin lebt heute in der Eifel
Hier könnte die Geschichte um die Flaschenpost von Oberwesel enden. Tut sie aber nicht. Denn auf der Rückseite der Speisekarte steht eine handschriftliche Notiz in französischer Sprache. Der Text ist nicht gut zu lesen, enthält aber unter anderem den Wunsch, Brieffreunde zu finden. Gut lesbar ist der Name der Absenderin: „Anni G. aus Blessem/Köln.“ Blessem ist zwar nicht Köln, sondern ein Stadtteil von Erftstadt im Rhein-Erft-Kreis. Wie die „Rhein-Zeitung“ zuerst berichtete, wurde die Absenderin der Flaschenpost nach intensiver Suche gefunden. Es handelt sich um die heute 90-jährige Anni N. Sie lebt inzwischen in der Eifel und fuhr als 22-Jährige als Schiffsköchin auf der „Drachenfels“
Größte Sammlung von Flaschenpostbriefen
Die weltweit einzigartige und größte Sammlung wissenschaftlicher und historischer Flaschenpostbriefe befindet sich im Bibliotheksarchiv des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH). Die Sammlung umfasst rund 660 historische Flaschenpostformulare. Darunter befindet sich auch die älteste bekannte Flaschenpost aus dem Jahr 1864. Sie wurde am 14. Juli 1864 vom Schiff „Norfolk“ vor Kap Hoorn über Bord geworfen. Etwa drei Jahre später wurde sie an der australischen Küste bei Portland gefunden. Es gibt durchaus einen wissenschaftlichen Hintergrund zur Flaschenpost. Einst lieferten sie Erkenntnisse über Wind- und Strömungsverhältnisse auf den Weltmeeren. Mitte des 19. Jahrhunderts erhielten Kapitäne deutscher Handelsschiffe eine leere Flasche sowie ein kleines vorbereitetes Formular. Das wurde, ergänzt um das aktuelle Datum, an einer genau festgelegten Position in der sorgfältig versiegelten Flasche über Bord geworfen. Die Finder wurden gebeten, die Zettel mit Fundort und Datum zu versehen und an die „Deutsche Seewarte“ in Hamburg zu schicken, einem Vorgänger des heutigen Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie, das in Hamburg und Rostock je einen Dienstsitz hat.
„In der Flasche steckte eine Menükarte des ehemaligen KD-Schiffes Drachenfels“